Helmut Geil/Aon Austria: Helmut Geil im CASH-...
 
Helmut Geil/Aon Austria

Helmut Geil im CASH-Interview: Sicher wirtschaften

Hubert Auer
Helmut Geil, Geschäftsführer Aon Austria © Hubert Auer
Helmut Geil, Geschäftsführer Aon Austria © Hubert Auer

Was tun als Hersteller, wenn ein Produkt mangelhaft ist? Wie schützt man sich gegen mögliche Folgen am besten? Helmut Geil, Geschäftsführer von Aon Aus­tria, weiß, welche Risiken es zu beachten gilt und welche Versicherungen am besten dagegen vorsorgen.

CASH: Mangelhafte Produkte von Herstellern sind im Handel nicht unüblich. Was macht eine Produktrückrufversicherung so wertvoll für die Produzenten?
Helmut Geil: Die Versicherung ist dazu da, um existenzbedrohende Kosten für den Hersteller abzuwenden. Andernfalls wäre die Geschäftstätigkeit des Produzenten in vielen Fällen gefährdet, da man ohne den Ersatz der entstandenen Kosten sofort sein Kredit-Rating verlieren würde.

Was bedeutet das konkret?
Als Hersteller wäre eine Betriebsunterbrechung fatal, dieser muss ja sofort wieder liefern können. Noch dazu haben betroffene Unternehmen womöglich mit höheren Rohstoffpreisen zu kämpfen – man akzeptiert in dringlichen Situationen diese Preise, um wieder schnell produzieren zu können.

Welche genauen Kosten können bei einem Produktrückruf dann letztendlich entstehen?
Im ersten Schritt müssen die Regale ausgeräumt werden, hier entstehen pauschalierte Kosten pro Filiale. Die Transportkosten für die mangelhafte Ware werden ebenfalls durch die Versicherung gedeckt. Letztendlich gilt es, die Ware – oftmals im Tonnenbereich – zu vernichten.

Produktrückrufe können zudem das Image der Unternehmen gefährden.
Ein langfristiger Imageschaden kann den Umsatz oft über Jahre hinweg zurückschrauben. Daher müssen oftmals Marketing-Kampagnen hochgezogen werden. Hierfür bieten wir eine Produktschutzversicherung an, die die Produktrückrufversicherung noch um zusätzliche Leistungen erweitert. Es werden die Kosten bis in den Bilanzschutz hinein gedeckt, die beispielsweise durch einen entgangenen oder zukünftig entgehenden Gewinn sowie weitere Mehrkosten entstehen können. Ebenso gedeckt sind die Einführungskosten für ein mögliches Ersatzprodukt.

Welche Fälle sind im Lebensmitteleinzelhandel denkbar, damit ein Produkt aus dem Verkehr gezogen werden muss?
Neben verunreinigter Ware kann ebenso ein Inhaltsstoff bei der Produktion vergessen worden sein. Oder es wurde, zum Beispiel bei einer Erpressung, bewusst manipuliert. Es kann auch der Fall eintreten, dass die Nährwerttabelle auf der Verpackung falsch angegeben oder die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe falsch berechnet wurde. Wir reden hier immer von Mengen an Produkten, die fehlerhaft sind. Wenn sich der Kunde etwa den Zahn an einem Produkt ausbeißt, zahlt die Betriebshaftpflichtversicherung des Händlers.

Nehmen wir an, es kommt zu einem Produktrückruf. Wie sehen die weiteren Schritte aus?
Der Hersteller muss das mangelhafte Produkt sofort dem EU-weiten Rapid Alert System for Food and Feed (RASFF) melden. Gleichzeitig informiert uns der Produzent als Versicherungsmakler über die Rückholung des Produkts. Wir verständigen innerhalb weniger Stunden den Versicherer über den Schaden. Meist kann man am gleichen oder spätestens am nächsten Tag die nötigen Schritte einleiten.

Eine Vielzahl österreichischer Hersteller hat weltweit Standorte in mehreren Ländern. Was gilt es in diesem Fall versicherungstechnisch zu beachten?
Ein großer Vorteil von Aon ist sein globales Netzwerk: Wir sind mit 50.000 Mitarbeitern in 120 Ländern vor Ort. „Think Global, Act Local“ lautet unsere Devise. Viele unserer Kunden nehmen daher eine sogenannte „Title Insurance“ in Anspruch.

Worum geht es bei dieser Form der Versicherung?
In vielen Ländern gibt es nicht jene ordentliche Führung des Grundbuchs wie in Österreich. Wenn ein Unternehmen also ein Grundstück erwirbt, kann es vorkommen, dass sich Jahre später der eigentliche Besitzer meldet und mit Dokumenten belegen kann, dass das Grundstück vom falschen Eigentümer gekauft wurde. Durch die Title Insurance wird der Besitz gegen jegliche Ansprüche abgedeckt.

Ein Produkt besteht ja meist aus einer Vielzahl an Inhaltsstoffen. Versichern sich auch die Zulieferer der Produzenten?
Die einzelnen Stationen in der Lieferkette täten gut daran. Denn so kann es zu keinen Rückwirkungsschäden kommen. Wenn ein Produzent nicht liefern kann, hat das Effekte auf alle anderen. Wir statten je nach Fall die Hersteller mit individuellen Versicherungsverträgen aus, damit diese keine Deckungslücken bei einem Produktrückruf haben.

Herr Geil, danke für das Interview!

Rapid Alert System for Food and Feed
Das Rapid Alert System for Food and Feed, kurz RASFF, wurde 2002 durch die Europäische Kommission insbesondere für die Meldung bei Produktfehlern und -rückrufen eingeführt. Eine Meldung an das RASFF ist verpflichtend, sobald Anzeichen für ein Produkt mit Mängeln zu erkennen ist. Somit können die Behörden der EU-Mitgliedstaaten rasch reagieren.



Aon Austria
Das Unternehmen ist ein globaler Dienstleister für Risikomanagement sowie Versicherungs- und Rückversicherungsmakler und Berater für Human Resources. Weltweit beschäftigt Aon 50.000 Mitarbeiter in 120 Ländern. Aon Austria wurde ursprünglich 1927 als „Jauch und Hübener“ gegründet und kann auf eine Branchenerfahrung von 90 Jahren zurückblicken.

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