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Helmut Petschar im CASH-Interview: Es braucht mehr Fairness!

Markus Wache

Und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das fordert VÖM-Präsident und Kärntnermilch-Direktor Helmut Petschar und appelliert an den Handel, von Aktionen in dieser hochwertigen Produktgruppe möglichst abzusehen.

CASH: Herr Petschar, wie geht es dem Milchmarkt in Österreich und kann man diese Frage überhaupt so stellen oder sind wir viel zu sehr abhängig von der Entwicklung am internationalen Milchmarkt?
Helmut Petschar: Der Milchmarkt ist weiterhin unter Druck. Wir sind natürlich stark abhängig vom internationalen Markt. In ganz Europa gibt es einen enormen Strukturwandel, der gerade in Österreich besonders stark ausgeprägt ist. Wir hatten zum EU-Beitritt noch knapp 89.000 Milchbauern, heute sind es nur noch 27.500. Alleine im letzten Jahr haben circa 700 Milchbetriebe die Produktion eingestellt. Die Milchmenge ist seit dem EU-Beitritt aber kontinuierlich gestiegen, von 2,2 auf 3,3 Milliarden Kilogramm. Wir haben eine sehr kleinstrukturierte Landwirtschaft, die ihre Vor- und Nachteile mit sich bringt.

Kleine Strukturen sind gerade das, worauf die österreichische Milchwirtschaft sehr stolz ist und gerne als USP nennt.
Ja, denn sie ermöglicht uns, den Qualitätsweg zu gehen, den wir hierzulande schon vor vielen Jahren eingeschlagen haben. Wir haben hohe Heu- und Biomilch-Anteile von 15 Prozent. Wir sind Vorreiter bei der Gentechnikfreiheit seit 2005, Glyphosat ist in unserer Milchproduktion kein Thema. Österreich hat deutlich höhere Qualitätskriterien als es in der EU Standard ist. Tiergesundheit und Tierwohl werden in den letzten Jahren auch den Konsumenten immer wichtiger und auch hier sind wir im Vorteil. Bei uns hat ein Bauer im Schnitt 19 Kühe und kümmert sich um das Wohlbefinden jeder einzelnen. Wir genießen daher international eine hohe Glaubwürdigkeit, die uns im Export zugutekommt – der überaus wichtig ist. Heute wird knapp 44 Prozent der gesamten Produktion exportiert. Vor dem EU-Beitritt hätte man das der österreichischen Milchwirtschaft noch nicht zugetraut.

Was sind die großen Nachteile und wie schätzen Sie, dass sich der Strukturwandel weiterentwickeln wird?
Knapp 80 Prozent der Milchproduktion in Österreich finden im Berggebiet statt und die Fläche ist hier auch der begrenzende Faktor, der nur eine kleinstrukturierte Landwirtschaft zulässt. Die Nachteile sind hohe Transport- und Logistikkosten. Wir haben beispielsweise knapp 2 Cent Sammelkosten, in Deutschland sind es etwa 0,4 Cent. Ich denke, dass sich der Strukturwandel fortsetzen wird und auch in den nächsten Jahren 2 bis 3 Prozent der Milchbauern aufhören werden.

Dass jährlich mehrere Hundert Milchbauern aufgeben, liegt letztlich auch am volatilen Milchpreis, der Investitionen unmöglich macht. Was wäre ein fairer Preis?
Viele Molkereien haben in den letzten Wochen die Preise um 1 bis 2 Cent angehoben aufgrund der Dürre, von der vor allem Ostösterreich, aber auch ganz Europa betroffen war. Man schätzt, dass etwa um die 40 Cent pro Kilogramm ein fairer Preis wäre. Wenn man die Volatilität der letzten Jahre betrachtet, haben die Bauern teilweise von der Substanz gelebt und waren nicht in der Lage irgendwelche Investitionen zu tätigen. Und ein Betrieb, der nur vom Milchgeld leben muss, tut sich momentan sehr schwer. Es braucht einen fairen Preis, aber auch Fairness entlang der gesamten Wertschöpfungskette und die umfasst den Bauern, den Verarbeitungsbetrieb, den Handel und den Konsumenten und nur wenn es auf Dauer nicht nur einen Gewinner gibt, wird man eine gewisse Zufriedenheit schaffen können.

Sind die Österreicher nicht bereit, ein paar Cent mehr für Milch zu bezahlen?
Der Durchschnittsösterreicher gibt nur etwa 1,5 Prozent seiner Gesamtausgaben für Milch- und Käseprodukte aus. Das ist sehr wenig. Im gleichen Zeitraum sind laut Verbraucherpreisindex die Löhne um mehr als 100 Prozentpunkte gestiegen. Dass der Konsument aber durchaus bereit ist, für Qualität mehr zu bezahlen, zeigt sich am Butter-Beispiel deutlich. Trotz Preiserhöhung ist der Butterkonsum von 2015 auf 2017 um fast 10 Prozent gestiegen. Wenn sich die Preise verändern, ist das nur eine minimale Erhöhung für den Konsumenten, die er letztlich zu bezahlen hätte.

Heißt das, dass nun der Handel am Zug ist, eine Trendwende herbeizuführen?
Wir brauchen den Handel, er ist für uns der verlängerte Arm zum Konsumenten. Sie wissen ja, wie er hierzulande strukturiert ist, und wie stark der Wettbewerb zwischen den Händlern ist. Wir dürfen aus rechtlichen Gründen nicht über Verkaufspreise zum Konsumenten reden. Jeder Verkaufsleiter oder Molkereidirektor versucht aber, dem Handel immer wieder zu erklären, dass diese Qualitäten, die wir bieten, nicht zum billigsten Preis verkauft werden dürfen. Ich denke, dass es unbedingt zu einem Umdenken kommen sollte, was Aktionen wie 1+1 oder minus 25 Prozent für diese hochwertigen Lebensmittel betrifft. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht für die Bauern, weil die Wertigkeit der Produkte dadurch verloren geht und der Konsument den richtigen Wert von Käse oder Butter nicht mehr kennt.

Worin sehen Sie die nächsten großen Herausforderungen für die Milchbranche?
Ich denke, dass die größte Herausforderung sein wird, die Wertigkeit dem Konsumenten näherzubringen und Fairness entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu schaffen. Dazu müssen wir unbedingt einen Dialog mit unseren Handelspartnern finden, um zu verhindern, dass Milchprodukte zum Schleuderobjekt werden. Eine weitere Herausforderung betrifft das Thema Tierwohl und da im Speziellen Anbindehaltung und Laufstall, die immer wieder diskutiert werden. Durch unsere kleinstrukturierte Landwirtschaft, vor allem im Berggebiet, wo im Winter bis zu ein Meter Schnee liegt, kann es im Berggebiet nur Kombinationshaltung geben. Eine hundertprozentige Laufstallhaltung, die immer wieder gefordert wird, ist der Tod für die kleinen Bauern im Berggebiet. Wenn man den Konsumenten zeigen könnte, wie es den Tieren dort geht, bin ich sicher, dass sie zu ihren Produkten greifen. Leider wird ihnen aber oftmals eine falsche Wahrheit vorgespielt, wie Landwirtschaft tatsächlich funktioniert.

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Kommen wir nun zu Ihrem Betrieb. Wie geht es der Kärntnermilch?
Ähnlich wie den anderen. Wir kämpfen alle mit den gleichen schwierigen Bedingungen. Wir versuchen unsere Hausaufgaben betreffend Kostenstruktur innerbetrieblich zu machen und mit Innovationen zu punkten. Vor zwei Jahren haben wir gemeinsam mit Bio Austria die Bio-Wiesenmilch entwickelt, wo Biodiversität, Auslauf, Tierwohl und Kraftfutterreduktion im Fokus stehen. Heuer wurde die Produktpalette weiterentwickelt. Wir versuchen mit neuen Produkten auch neue Märkte zu erschließen. Mit der Bio-Wiesenmilch ist uns das gut gelungen. Ganz aktuell ist auch unser Nachhaltigkeitsbericht, für den wir den EMAS-Preis erhalten haben. Und zudem feiern wir heuer 90 Jahre Kärntnermilch, worauf wir sehr stolz ist. In der Kärntnermilch leben wir Qualität jeden Tag, von der Rohmilcherzeugung bei unseren Eigentümern über die Milchsammlung durch unsere Frächter bis hin in die Molkerei, wo die Rohmilch unter strengsten Qualitätskriterien – zu denen sich unsere Landwirte bekannt haben – verarbeitet wird.

Wie viel Liter Milch verarbeitet die Kärntermilch pro Jahr?
Wir verarbeiten in Spittal/Drau jährlich rund 124 Millionen Liter. Unser langfristiges Ziel ist es, die flächendeckende Milchproduktion im Berggebiet zu erhalten. Dies geht allerdings nur – wie schon angesprochen – mit fairen Preisen.

Herr Petschar, vielen Dank für dieses Gespräch!
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