Markenartikelindustrie: Alfred Schrott: "Plat...
 
CASH / Markus Wache

Ohne große Zeremonien übernahm Alfred Schrott von Markus Liebl die Präsidentschaft des Österreichischen Verbands der Markenartikelindustrie. In seinem ersten Interview in dieser Position nimmt er Stellung zu Nährwertprofilen, der Beziehung zum Handel und spricht über ein außergewöhnliches Jahr für Marken.

Ein Kapitän kann sich leichtere Situationen vorstellen, ein Schiff zu übernehmen: Die See ist rau, das Wetter unvorhersehbar, steife Brisen wehen. Mit Alfred Schrott übernimmt jedoch ein erfahrener Seemann das Steuer des Markenartikelverbandes, Vorstand für Marketing und Verkauf bei Manner im zivilen Leben, jahrelange Erfahrung bei Unilever im Gepäck.
CASH: Zunächst herzliche Gratulation zum Antritt der Präsidentschaft. Was wollen Sie in Ihrer Amtszeit weiterbringen, erreichen, anpacken?
Alfred Schrott: Ich möchte den Mitgliedertag noch intensiver nutzen – ich bin mir aber nicht sicher, ob sich das in Covid-Zeiten schon 2021 ausgehen wird. Die Markenartikelkampagne ist auch ein zentraler Punkt, die sich in keinem anderen Land der Welt so einer Beliebtheit erfreut und auch schon so lange läuft. 2021 wird die 25. Kampagne starten. Aktuelle Themen, die für den Markenartikelverband und die Ideen der Marken wichtig sind, da werden einige Impulse von mir kommen.

Wie hat sich die Coronakrise auf die Marken ausgewirkt? Konnten einzelne Marken aufgrund des starken Vertrauens Zugewinne ­verzeichnen?
Es haben sich Konsumentengewohnheiten kurzfristig verändert, dadurch sind manche Produktgruppen stärker gewachsen als andere. Sicherlich ist der Bedarf an Heimverpflegung gestiegen, der Konsument kauft durch gesteigerte Homeoffice-Lösungen anders ein. Bei Manner hat man ja beispielsweise gemerkt, dass der Geschenkartikelmarkt stark zurückgegangen ist, weil die Anlässe fehlen.

Was bedeutet das für das anstehende Weihnachtsgeschäft, sind Sie hier auch trotz ausbleibender Touristen, die ja eine weitere starke Zielgruppe ausmachen, optimistisch?
Das Saisongeschäft war zu Ostern ja schon schwierig, wir waren jedoch unterdurchschnittlich betroffen und konnten sogar im Handel Marktanteile dazugewinnen.

Worauf führen Sie das zurück?
Viele unserer Artikel sind solche, die man innerhalb der Familie nascht, daher sehen wir auch vorsichtig optimistisch fürs Weihnachtsgeschäft. Wir sind beispielsweise Nummer 1 beim Baumbehang, und einen reichlich geschmückten Baum wird man sich in Zeiten wie diesen wohl besonders gönnen. Das sind aber alles Spekulationen.

Wir haben von einigen Markenartikelproduzenten gehört, dass man in der Krise häufig zu starken Marken greift, auch wenn sie hochpreisiger sind, weil das starke Vertrauen da ist. Konnten Sie das auch bemerken?
Was wir in den letzten Monaten auf dem Markt beobachten konnten und auch was die Nielsen bzw. GFK-Zahlen belegen ist, dass hier keine großen Verschiebungen bemerkbar sind. Aus der Helikopterperspektive über ganz Österreich und alle Marken gesprochen sehe ich diese Entwicklung nicht.

Es gingen heftige Diskussionen und Debatten um, allen voran das mögliche Werbeverbot für Lebensmittel anhand der Berechnung eines Österreichischen Nährwertprofils, was ist Ihr Standpunkt dazu, inwieweit waren und sind Sie da in die Kommunikation und Verhandlung mit eingebunden?
Der Ursprung dieser Richtlinie geht ja um Werbebeschränkung rund um Kinderprogramme. Dazu gibt es eine Selbstverpflichtung, die aus meiner Sicht sehr gut funktioniert. Bei Manner gibt es beispielsweise keine direkt auf Kinder zugeschnittene Werbung, das ist auch
beabsichtigt so, wir wollen uns konform verhalten.

Aber das tun ja nicht alle, verzerrt das nicht dann das Wettbewerbsbild, wenn das keine Sanktionen nach sich zieht?
Man muss sich hier die Frage stellen, wieweit die Selbstverpflichtung geht, ob man bei den Sanktionen nachschärfen muss. Problematisch war jedoch, als wir erfahren haben, dass es nicht mehr Kinder betrifft, sondern Minderjährige. Und da sind wir in einer ganz anderen Situation, denn das können Sie ja kaum noch steuern, denn welche Sendungen können von einem 17-Jährigen nicht konsumiert werden? Das ging dann plötzlich in Richtung generelles Werbeverbot. Das kann nicht die Zielsetzung sein. Ein Österreichisches Nährwertprofil gehört in jedem Fall ordentlich und detailliert diskutiert.

Deutschland bringt einen freiwilligen Vorstoß mit dem NutriScore-Modell, die Frage ist dann schon, ob diese auch in Österreich aufgedruckt werden?
Da tauchen noch viel mehr Fragen auf: Wie viele unterschiedliche Kennzeichnung verträgt ein Konsument? Oder werden Lebensmittel mit einer Nutri-Score-Kennzeichnung dann in Österreich nicht zugelassen? Oder welche Nährtwertkennzeichnungen müssen wir dann auf unseren Produkten anbringen? Dürfen überhaupt mehrere nebeneinander bestehen? Was bedeutet das für den Export und die Verpackung? Und für die Umwelt, wenn im Packstoffbereich permanent überarbeitete Verpackungen unbenutzt weggeworfen werden müssen? Was für eine Verwirrung stiften verschiedene Modelle dann bei den Konsumenten?

Deswegen plant die EU-Kommission ja auch, in den nächsten Monaten mit der Ausarbeitung eines europaweiten Nährwertprofils zu beginnen. Wie stehen Sie dazu?
Wenn es eine europäische Lösung gibt, die Sinn macht, selbst wenn sie ein Kompromiss ist, ist das zu begrüßen. Es ist immer noch besser für den Binnenmarkt, wenn es einheitliche Richtlinien gibt. Unser Interesse ist hier als Lebensmittelexportland, dass wir von europäischer Seite Rechtssicherheit bekommen, nur so kann es einen gemeinsamen Markt geben.

„Es ist auch im Interesse des Handels, Marken Raum für Innovationen zu geben.“
Alfred Schrott

Es gab einen Weihnachtsbrief eines Handelsvertreters, der die Lebensmittelindustrie (pauschal) mit Lieferengpässen und damit entgangenen Umsätzen konfrontiert. Wissen Sie davon, welchen Standpunkt nehmen Sie hier ein?
Dazu gibt es ja schon eine Erklärung des Handelspartners, die ja schon versöhnlicher war. Ich denke, dass von der Industrie jeder bestrebt ist, die Versorgungskette möglichst gut sicherzustellen und keiner absichtlich einen Handelspartner besser beliefert als einen anderen, schon gar nicht in Peak-Zeiten wie Weihnachten. Ich denke, man hätte auch einen anderen, einen bilateralen Weg wählen können.

Wie kann man langfristig das Verhältnis und die Partnerschaft zwischen Handel und Industrie verbessern und auf Augenhöhe heben, oder sehen Sie hier keinen Handlungsbedarf?
Ich bin ja auch ECR-Vorsitzender, da ist die Supply Chain, Zusammenarbeit und Effizienz ein großes Thema. Ich weiß, es gibt hier immer wieder Schwierigkeiten, aber ich denke, hier hilft Kommunikation. Es gibt da ein BestPractice Beispiel von Metro, wie man die Versorgungssicherheit am Regal sicherstellen kann, wie beide Seiten etwas dazu beitragen können. Solche Ansätze sind für die Beziehung Industrie und Handel vielversprechend. Natürlich wäre es schön, wenn hier wieder mehr von diesen Themen gemeinsam angehen würde. Weitere Trials, die müssen ja nicht veröffentlicht werden, würden von den Partnern gerne mitgetragen werden.

Wenn man sich die Nachhaltigkeitsbemühungen der Industrie ansieht, bekommt man den Eindruck, dass sich etablierte Marken schwerer tun, Prozesse nachhaltiger zu gestalten bzw.  dass sie deutlich spät damit angefangen haben. Hiervon haben vor allem Start-ups profitiert. Stimmt der Eindruck und wenn ja, worauf führen Sie das zurück?
Das ist eine komplexe Frage, einige Antworten gibt ja der ECR-Congress. Ich denke, dass alle schon verstanden haben, dass hier etwas getan werden muss. Natürlich tut sich ein Startup leichter, ein Themenfeld anzugreifen, und die gesamte Infrastruktur und DNA des Unternehmens darum aufzubauen. Das ist der Grundsatz des Unternehmertums, eine Lösung für ein Problem zu finden. Wir suchen auch permanent nach Lösungen für nachhaltigere Verpackungen. Da hat es ein Startup sicherlich leichter, dass von Beginn an ein nachhaltig verpacktes Produkt entwickeln und verkaufen möchte. Das ist bei uns ein anderer Prozess, wir haben die Herausforderung, dass eine Waffel Flüssigkeit aufnimmt. Wenn diese nicht in luftdichten Materialien verpackt sind, wird die Waffel zäh. Hier spielen Verpackung und Haltbarkeit bzw. Restlaufzeit beide sehr gewichtige Rollen. Ist eine kürzer haltbare Waffel wirklich nachhaltiger? Unsere Nachhaltigkeitsschwerpunkte sind vielfältig. So stammt etwa all unser eingesetzter Kakao seit Beginn des Jahres aus 100% zertifiziert, nachhaltigem Anbau.

Ritter Sport hat beispielweise nun eine Papierverpackung für seine Schokolade auf den Markt gebracht. Was sagen Sie dazu?
Ich finde das spannend, und toll, dass sie das machen, Schokolade hält sich eben auch in Papier, eine Waffel nicht. Wir haben ein Portfolio mit optimalen Verhältnis von Produkt und Verpackung zB die Casali Schokobanane. Hochwertige Süßwaren kann man kaum platz- und ressourcensparender verpacken, als bei uns mit der Kartonschachtel.

Machen Handelsmarken den Markenartikeln zunehmend Konkurrenz oder werden Marken Ihrer Meinung nach weiterhin die Innovationsführerschaft innehaben?
Ich weiß nicht, ob es in einem Krisenjahr leichter ist, Innovationen zu bringen. Ich weiß nur, dass es für Marken wichtig ist, diese Themenführerschaft zu behalten. Wir sind als Markenartikler auch gefordert, dass zu tun, das erwartet der Konsument von uns. Ich finde es keine gute Idee, unsere Innovationskraft zu bremsen, sonst verbauen wir unsere Produktkraft von morgen. Das ist auch nicht im Sinne des Handels. Der Konsument möchte Marken sehen, die für etwas stehen, die Orientierung bieten. Daher ist das auch im Interesse des Handels, Marken Raum zu geben, um Innovationen zu bringen, um das Geschäfts damit interessant zu halten. Es geht um die Balance.

Ist diese Balance aktuell Ihrer Meinung nach gegeben?
Das wird jeder Händler für sich entscheiden. Als Markenartikler muss ich sagen, dass die Marke seinen Platz haben, und man bei den aktuellen Anteilen aufpassen muss.

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch.

Eine gekürzte Version des Interviews finden Sie auch im aktuellen E-Paper der CASH-Dezember-Ausgabe.

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