Schur Flexibles: Michael Schernthaner: "Konsu...
 
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Michael Schernthaner: "Konsumenten müssen reflektieren"

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Michael Schernthaner: "Ein Durchbruch kann erst mit den geplanten und initiierten Investitionen in das chemische Recycling erreicht werden."
Michael Schernthaner: "Ein Durchbruch kann erst mit den geplanten und initiierten Investitionen in das chemische Recycling erreicht werden."

Bereits 2019 war Schur Flexibles eines der ersten österreichischen Verpackungsunternehmen, die für fast alle Produktbereiche recyclingfähige Lösungen anbieten. Geschäftsführer Michael Schernthaner spricht über nationale Unterschiede bei der Nachhaltigkeit, wie Ressourcen genutzt werden können und welche Rolle alternative Materialien bei der Lebensmittelsicherheit spielen.

CASH: Herr Schernthaner, Schur Flexibles bietet ein breites Portfolio von Verpackungslösungen. Welche sind zurzeit am meisten gefragt?
Michael Schernthaner: In den vergangenen eineinhalb Jahren haben sich die Konsumgewohnheiten verändert. Das Bewusstsein für Produktsicherheit – die zentrale Kompetenz flexibler Verpackungslösungen – hat sich durch die Pandemie deutlich erhöht, ebenso wie das Thema Nachhaltigkeit uns seit vielen Jahren begleitet, wir aber nun die Bereitschaft zu echter Veränderung sehen. Die größte Veränderung, die wir bei der Produktnachfrage unserer Kunden in allen Marktsegmenten sehen, ist der "echte" Wunsch nach alternativen umweltfreundlichen Verpackungslösungen. Wir bei Schur Flexibles waren 2019 die ersten im Markt mit alternativen recyclingfähigen Verpackungen für fast alle unserer Produktbereiche. Mit diesem Know-how-Vorsprung können wir unsere Kunden nun auch ideal bei der Umstellung auf nachhaltige Innovationen begleiten.

Was ist daran so nachhaltig?
Technisch bedeutet das: Monopolymerlösungen, kurz Mono-PE, ersetzen immer stärker komplexe Laminate bei Verpackungsfolien, da Mono-PE sehr gut im Recycling Kreislauf geführt werden kann. Wir haben beispielsweise auch für ein sensibles Produkt wie Hackfleisch eine sowohl vom Materialeinsatz um 70 Prozent reduzierte, voll reyclebare Verpackung entwickelt. Ergänzend zu unserer eigenen langjährigen Kompetenz haben wir mit der jüngsten Übernahme von Termoplast, einem italienischen Spezialisten für Folienherstellung in genau diesem Segment, eine führende Rolle übernommen.

Schur Flexibles ist Mitglied bei CEFLEX, einer europäischen Initiative zur Förderung der Circular Economy. Welche Maßnahmen treffen Sie diesbezüglich und wie ist der Stand der Dinge rund um die Kreislaufwirtschaft?
Kunststoff ist ein Wertstoff – und Wertstoffe sollen nicht entsorgt, sondern im Kreislauf geführt und immer wieder verwendet werden. Das ist sowohl ökologisch, als auch wirtschaftlich sinnvoll. Und dazu braucht es Partnerschaften. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit bedingen hier einander. Wir decken mit unseren 23 Standorten in ganz Europa die integrierte Wertschöpfungskette flexibler Verpackung, von der Folienherstellung bis zum fertig bedruckten Beutelprodukt. In jedem dieser Produktionsschritte achten wir darauf, den Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft zu entsprechen. So produzieren und folgen unsere Produktionsstandorte einer "Zero Waste"-Vorgabe, und bereiten beispielsweise eingesetzte Lösungsmittel oder Abfälle in der Folienherstellung etc. wieder als Rohmaterial für die Produktion auf. Rezyklierbarkeit ist in Europa national sehr unterschiedlich bewertet, wobei wir mit unseren 23 Produktionsstandorten natürlich auch umfangreiches lokales Wissen erarbeitet haben. Insbesondere in Ländern, in denen es noch keine nationalen Gesetzgebungen gibt, helfen diese grundsätzlichen Guidelines unseren Kunden und uns, das richtige Produkt anzubieten.

Wie schwierig ist es für Sie, nutzbare Rezyklat-Stoffe zu erhalten? Wie hat sich der Markt dafür entwickelt und aus welchen Ländern beziehen Sie die Rohstoffe?
Unsere flexiblen Verpackungslösungen konzentrieren sich auf die Hauptmärkte Lebensmittel, Aromaschutz-Produkte, Pharmazie und Hygieneprodukte. In diesen Bereichen geht es in erster Linie um den Schutz des verpackten Gutes und den Schutz des Konsumenten. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben gibt es derzeit keine verfügbaren Post Consumer Rezyklate, die aus lebensmittelrechtlichen Grundsätzen für unsere Verpackungslösungen eingesetzt werden können. Ein Durchbruch kann erst mit den geplanten und initiierten Investitionen in das chemische Recycling erreicht werden. Wir haben hier auch bereits erste gemeinsame Projekte mit entsprechenden internationalen Recyclern initiiert und haben Versuche im Testbetrieb. 

Nun kann das Thema nicht bei den Verpackungs-Herstellern hängen bleiben. Was können der Handel, die Kunden und die Entsorgungs- und Verwertungsbetriebe aus Ihrer Sicht machen, um die Kreislaufwirtschaft zu fördern?
Reflektieren, reflektieren und nochmals reflektieren - Konsumenten müssen reflektieren, dass flexible Verpackungsmaterialien einen Wertstoff darstellen – so, wie wir das von Aluminium, PET Flaschen, Glas und Papier kennen. Dazu gehört, dass Verpackungen richtig in das Abfallsystem eingebracht werden. Der Handel ist ein wichtiger Partner, sowohl bei der Sensibilisierung der Kunden, als auch bei dem Umstieg auf recycebare oder darüber hinaus ressourceneffiziente Verpackungen. Die Verwertungsbetriebe sind bereits jetzt schon dabei, Kapazitäten und Technologien auszubauen. Um aber die Mengen an flexiblen Folien zu recyclen, die die EU plant und die wir als Gesellschaft auch umgesetzt sehen möchten, bedarf es Investitionen in Milliardenhöhe.

Bei vielen Anwendungsgebieten, besonders wenn es um Hygiene und Produktsicherheit geht, ist Plastik nicht wegzudenken. Aber welche Rolle spielen Kunststoffe aus alternativen Quellen?
Kunststoffe aus alternativen Quellen werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Wir sind bestrebt, alternative Rohstoffe einzusetzen, die nicht aus Erdöl hergestellt werden, sondern aus erneuerbaren Rohstoffen zweiter Generation. Was versteht man darunter? Wir haben sehr viel verfügbare Biomasse, die derzeit nicht genutzt wird. Hierbei sind besonders die Rückstände aus anderen Industrieprozessen interessant, die in regelmäßigen und vergleichbaren Mengen anfallen, wie etwa Tallöl aus der Holzindustrie. Oder Rohstoffe aus dem chemischen Recycling. Beide Materialien können in der chemischen Industrie alternativ zu Rohöl eingesetzt werden, um Polymere zu generieren. So können wir gemeinsam mit den Rohstoffherstellern einen großen Schritt in Richtung der CO2-Neutralität und der Kreislaufwirtschaft verwirklichen.

Im Mai hat die B&C-Gruppe 80 Prozent Anteile von Schur Flexibles übernommen. Welche Möglichkeiten ergeben sich dadurch für das Unternehmen?
Unser neuer Mehrheitseigentümer, die B&C Gruppe, sichert den Verbleib unserer Unternehmenszentrale und der hochqualifizierten Arbeitsplätze in Österreich auch für die Zukunft. Damit werden wir aus Österreich heraus Forschungs- und Entwicklungsarbeit und die Innovation im Verpackungssektor vorantreiben und dem Ziel der B&C Gruppe entsprechend den Wirtschaftsstandort Österreich stärken können. Wir sehen in Österreich im globalen Vergleich eine enorm hohe Dichte an Kompetenz speziell im Verpackungssektor. Unser Anspruch bei Schur Flexibles ist es, die Transformation unserer Branche voranzutreiben. Dazu gehört auch, die technologischen Möglichkeiten der Digitalisierung für Verpackungslösungen einzusetzen, auch im Dienste der angestrebten Kreislaufwirtschaft. Gemeinsam ist uns und unseren neuen Mehrheitseigentümern, den europäischen Weg zum New Green Deal und im Speziellen bei der Ausrichtung auf ESG (Anm: Environment Social Governance) eine führende Rolle einzunehmen.

Schur Flexibles stellt Verpackungen für verschiedene Warengruppen her – von Süßwaren übers Fleisch bis hin zur Pharmazie. Wie unterschiedlich sind die Ansprüche an die jeweiligen Gruppen?
Gemeinsam ist allen Gruppen das Thema Nachhaltigkeit. Wir als Verpackungshersteller müssen, bei allen Produktentwicklungen und Prozessen berücksichtigen, dass beim Einsatz alternativer Materialien die Sicherheit, Haltbarkeit und Barrierefunktion in der selben höchsten Qualität garantiert bleiben müssen. Hier sind dann auch die Anforderungen unserer Kunden in den unterschiedlichen Marktsegmenten unterschiedlich. Beispielsweise schaffen wir mit nachhaltigen Materialien – ohne Aluminium – sicheren Aromaschutz beispielsweise für das sensible Produkt Kaffee. Wir haben hohe Kompetenz im Schutz von Fleisch – ein Gut, das in seiner Erzeugung einen hohen CO2 Fußabdruck verursacht und deshalb besonders vor Verderb geschützt werden muss. Dementsprechend hoch ist die Anforderung an komplexe Barrierefunktion der Folien. Hier ist der Anspruch, diese hohe Barrierefunktion trotzdem mit geringem Materialeinsatz sowie einer recyclierbaren Folie zu gewährleisten. Bei Hygieneartikeln wiederum steht ist es wichtig, eine Verpackung, die aus mehreren Teilen besteht, trotzdem in einen Recyclingstrom einfügen zu können. Das gilt natürlich auch für das Süßwarensegment.

Welche Eigenheiten hat der Österreichische Markt?
Österreich ist ein Spezialitätenmarkt – insofern sehen wir hier auch Unternehmen, die innovativ sind und Vorreiter in ihrem Segment. Und die diesen Anspruch auch bei Verpackung mitdenken. Die Qualitätsorientierung und das hohe Bewusstsein für Nachhaltigkeit ermöglicht uns dann auch gemeinsame Innovationsarbeit. Beispielsweise die Produktlinie "Hermann" von Neuburger, mit denen wir gemeinsame nachhaltige Produktentwicklungen vorantreiben können, die dann auch international Beachtung finden.

Danke für das Gespräch.

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