CASH+/Coronavirus (Update 2.4.): Stimmen aus ...
 
CASH+/Coronavirus (Update 2.4.)

Stimmen aus der Industrie zur aktuellen Situation

Elias Sch./pixabay.com

Hamsterkäufe, Schutz der Mitarbeiter, Abstimmungen mit Logistik und Handel - die Industrie steht vor herausfordernden Zeiten. Wir haben uns bei Unternehmen, die von der steigenden Nachfrage nach ihren Produkten besonders stark betroffen sind, umgehört, wie sich die Coronakrise auf sie auswirkt und wie sie mit der Situation umgehen.

Teigwarenhersteller, Hygieneartikelproduzenten und die Mühlenindustrie sind am stärksten von den sogenannten Hamsterkäufen betroffen. Die leeren Regale täuschen, heißt es von Seiten des Handels, es seien genügend Produkte vorrätig, man komme nur mit dem Einräumen nicht hinter her. Aber wie sieht das die Industrie? Branchen zwischen großer Nachfrage sowie steigender Produktion und dem Schutz ihrer Mitarbeiter.

Kategorie Teigwaren

Der Nudelproduzent Joachim Wolf von Wolf Nudeln erklärte vor ein paar Tagen in einem ORF-Interview ganz ehrlich, dass seine Mitarbeiter derzeit Sonderschichten schieben und mit der Lieferung an den Handel kaum mehr nachkommen. "Aktuell ist es so, dass wir die maximale Produktionskapazität aller Produktionslinien ausnutzen. Dies beinhaltet auch Produktion an Wochenenden, sodass wir eigentlich eine Kapazitätsauslastung von 120% haben. Das ist etwas mehr als das Doppelte als wir im Jahresdurchschnitt erzeugen", erzählt Produktionsleiter Peter Kirchmayer gegenüber CASH. "Dies ist zweifellos eine Folge der Hamsterkäufe. Die Nachfrage ist um ein Vielfaches höher als in Normalzeiten. Daher sind wir leider nicht in der Lage, allen Kundenwünschen pünktlich nachzukommen." Kiloweise Nudeln zu kaufen und zu horten ist nicht nötig, die Versorgung sei 100-prozentig gesichert, heißt es, auch logistisch gibt es kein Problem, die Ware, die erzeugt wird, auszuliefern. Dass sich der Aufwand, am Ende des Jahres lohnt bezweifelt man bei Wolf Nudeln. Es besteht die Befürchtung, dass der Absatz von Teigwaren nach Sättigung der Konsumenten durch die Hamsterkäufe plötzlich einbricht. Andererseit ist der momentane Mehraufwand mit zusätzlichen Kosten verbunden, durch Überstunden und Sonntagsstunden. "Das Personal arbeitet auf Hochtouren, wir sind unseren Mitarbeitern dankbar für den hohen Einsatz", so Kirchmayer. (Update 19.3.20)

Bei Barilla sieht man das hingegen etwas entspannter. Zwar wurde auch hier eine sprunghaft gestiegene Nachfrage beobachtet, "wir haben aber auch diese Entwicklung bereits aktiv reagiert und arbeiten gemeinsam mit unseren Handelspartnern daran, die Warenverfügbarkeit unseres Sortiments sicherzustellen", sagt Managing Director Matthias Spiess gegenüber CASH.at. "Trotz der ausgesprochenen Reisebeschränkungen ist aktuell keine unserer Produktionsstätten von größeren Einschränkungen betroffen. Auch unsere Dienstleister, insbesondere in der Logistik, versorgen uns auf sehr gutem Niveau."

Recheis spricht von herausfordernden Zeiten. "Die letzten Wochen haben unser Unternehmen sehr gefordert. Mehr- und Wochenendarbeit, schwierige Rahmenbedingungen für die Logistik und Herausforderungen in der Rohstoffbeschaffung haben uns einiges an Krisenkompetenz abverlangt. Auf der anderen Seite hat uns die gemeinsame Bewältigung genau dieser Herausforderungen stärker gemacht und den Zusammenhalt untereinander gefördert. Die guten, partnerschaftlichen Beziehungen zu unseren Lieferanten haben dazu beigetragen diese intensive Produktions- und Lieferphase gut zu meistern und die Grundversorgung unserer Kunden mit Teigwaren sicherzustellen", so Recheis-Geschäftsführer Martin Terzer. (Update 2.4.20)


Kategorie Hygieneprodukte

Desinfektionsmittel, Seife und andere Hygieneprodukte gehören ebenfalls zu den Top-Produkten in punkto Nachfrage und sind zeitweise nur schwer erhältlich, vor allem Desinfektionsmittel. Das kann auch Claudia Bach, Unternehmenssprecherin bei Reckitt Benckiser bestätigen: "Auch in Österreich verzeichnen wir bei Dettol Desinfektionsmitteln einen merklichen Anstieg der Nachfrage. RB hat bereits vor Wochen die globalen Produktionskapazitäten erhöht. Unsere Fabriken laufen auf 'vollen Touren'. Ein Projekt-Team arbeitet kontinuierlich daran, die globale Warenversorgung zu optimieren. Die Entwicklung der globalen und lokalen Nachfrage ist jedoch nur schwer vorauszusehen. Die Kapazitäten sind deshalb kurzfristig begrenzt, weshalb es in den kommenden Wochen zu Lieferverzögerungen und -engpässen vor allem bei unseren Dettol Desinfektionsprodukten kommen kann. Wir arbeiten aber mit Hochdruck daran, die Warenverfügbarkeit bestmöglich sicherzustellen." Wie sich die Situation und die Auswirkungen von COVID-19 auf die Ergebnisse des Konzerns auswirken, kann man derzeit noch nicht einschätzen. Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter haben aber höchste Priorität. "Es gibt Notfallpläne und klare länderspezifische Richtlinien in unseren Produktionsstätten und Offices", so Bach.

Von vermehrten Aufträgen bei Seife, APC, Dusche, Handpflege & Körperlotions spricht Ernest Widek, Sales Manager, Beiersdorf Österreich: "Die kurzfristig erhöhte Nachfrage (Hamsterkäufe) wird gedeckt und die jeweiligen Handelspartner erhöhen ihre Stocks". Versorgungsprobleme gäbe es derzeit aber keine. "Alle Handelspartner können termingerecht beliefert werden", so Widek. "Weder unsere Produktionsbetriebe noch unsere Zusammenarbeit und unser Geschäft in Österreich werden dadurch beeinflusst. Uns ist es wichtig, auch unter diesen außerordentlichen Umständen einen weiterhin hohen Service und vertrauensvolle Zusammenarbeit zu gewährleisten". Gleichzeitig hat man allerdings auch zahlreiche Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter umgesetzt - vom Verzicht von Reisen und Meetings über die Verstärkung von Hygiene- und Sicherheitsroutinen bis hin zu Homeoffice an allen europäischen Standorten vorerst bis Ostern, sofern es möglich ist. "Wir glauben, dass dies der richtige Weg ist, um das Risiko für unsere Mitarbeiter, unsere Partner und die Gesellschaft insgesamt zu reduzieren", sagt der Sales Manager.

Die Sicherheit der Mitarbeiter, Kunden und Partner geht auch bei Henkel vor. "Wir haben dafür alle für uns möglichen Vorkehrungen getroffen und Maßnahmen gesetzt, mit denen wir mithelfen, die Ausbreitung des Coronavirus hintanzuhalten, aber gleichzeitig unsere Geschäftstätigkeit aufrechterhalten. Im Verwaltungsbereich arbeiten rund 95 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von zu Hause. Im Rahmen unserer Produktionen wurden alles unternommen, den Sicherheitsabstand zwischen den arbeitenden Menschen durch verschiedene organisatorische Maßnahmen zu erhöhen.", erklärt Birgit Rechberger-Krammer, Präsident Henkel in Österreich, die gleichzeitig ein großes Danke an alle für ihren Einsatz ausspricht. Im Moment laufen alle Österreich-Werke im Normalbetrieb. "Das kann sich aber laufend ändern, weil oder wenn beispielsweise durch Grenzverzögerungen oder -schließungen – derzeit etwa in Kroatien und Serbien - logistische Hürden zu bewältigen sind. Das betrifft sowohl uns als aber auch unsere Lieferanten. Wir setzen jedenfalls alle Hebel in Bewegung, diese Hürden bestmöglich zu meistern", erklärt Rechberger-Kramer.

Von längere Lieferzeiten aufgrund von COVID-19 berichtet Hagleitner Hygiene. Auf Desinfektionsmittel muss man bis zu drei Wochen warten, auf einen professionellen Desinfektionsspender warten Kundinnen und Kunden mit Datum 30. März 2020 bis zu drei Monate lang. "Seit Krankheitsausbruch in Europa hat sich die Nachfrage nach Desinfektion verzwölffacht", erklärt Unternehmensinhaber und Geschäftsführer Hans Georg Hagleitner. "Unser Werk läuft rund um die Uhr. Desinfektionsmittel können wir innerhalb von drei Wochen liefern, Hagleitner produziert bis zu 21 Tonnen am Tag davon. Für unsere Spender aber bitte ich um mehr Geduld. Wir verbauen hier Elektronik-Komponenten – auf dem Weltmarkt sind sie zurzeit Mangelware." (Update 30.3.20)

Kategorie Mühlenindustrie, Brot- und Backwaren

Die Mühlenindustrie versichert, dass Hamsterkäufe nicht notwendig sind und ganz Österreich sowohl mit Haushalts- als auch Bäckermehlen versorgt werden kann. Die Hamsterkäufe haben nur zur Folge, dass es Verzögerungen bei der Lieferung gibt. "Es gibt genug Mehl, produziert von österreichischen Mühlen! Unsere Mehlsilos sind gut gefüllt, die Rohstoffverfügbarkeit ist gesichert und auch die Vermahlungskapazitäten sind ausreichend. Alle Mühlen und deren Verpackungsanlagen laufen seit mehreren Wochen rund um die Uhr und es muss sich niemand in Österreich um eine unzureichende Versorgung mit Mehl sorgen. Lediglich die Verpackungsanlagen sind derzeit das Limit, sodass die sprunghafte angestiegene Nachfrage nicht binnen weniger Tage bedient werden kann", erklärt Andreas Rauch, Obmann der Mühlenindustrie Österreich.

Die Versorgung ist gesichert, bestätigt man auch bei Kuchenmeister/Haverland. "Neben der Backwarenproduktion hat zurzeit Brotherstellung ganz besondere Priorität. Unsere Mitarbeiter sind mehr als flexibel und machen es so möglich, dass wir durch Mehr- und Wochenendarbeit die Nachfrage decken können", berichtet Geschäftsführer Hans-Günter Trockels und bestätigt gleichzeitig, dass die Sicherheit der Mitarbeiter dabei gewährleistet werden kann. Eine Herausforderung ist nur der Transport. "Unser Fuhrpark mit 30 eigenen Zügen fährt 7 Tage in der Woche, Grenzsituationen wie z.B. nach Polen sind jedoch ein unkalkulierbares Risiko", so Trockels. Gefahren sieht er vor allem für kleine Unternehmen und plädiert für unbürokratische Zuschüsse, Miet-Entegenkommen von Großvermietern und existenzsichernde Beiträge von Leasing- und Vermietungsgesellschaften, um eine Flut Insolvenzen zu verhindern. (Update 19.3.20)

Bei GoodMills Österreich bemerkt man ebenfalls eine kurzfristige, ungeplant und überdurchschnittlich hohe Nachfrage, fünf- bis achtmal so hoch hoch wie sonst, das Team arbeitet auf hochtouren. Engpässe gibt es aber keine. "Als wichtiger Grundversorger in Österreich haben wir bereits vor 3 Wochen einen Krisenstab einberufen, um die Produktion dauerhaft aufrecht zu erhalten und gleichzeitig mit größter Sorgfalt alle Mitarbeiter zu schützen. Unsere hygienischen Vorsichtmaßnahmen wurden den Umständen entsprechend weiters erhöht. Die Produktion läuft seit Wochen auf Hochtouren", erzählt Geschäftsführer Peter Stallberger. "Die Abwicklung der Bestellungen und das Supply Chain Management ist derzeit die größte Herausforderung und ist von uns personell gestärkt worden. Besonders am Herzen liegt uns neben der wichtigen Bedarfsdeckung im LEH auch den stark gestiegenen Bestellungen der kleinen, regionalen Bäckereien nachzukommen. Die vielen zusätzlichen Unsicherheiten (Grenzkontrollen, Stau bei der Anlieferung bei Zentrallägern, kurzfristiger Personalausfall, etc.) erschweren die Planbarkeit und fordern neben der Flexibilität auch ein zusätzliches hohes Maß an Kommunikation und Information im Austausch mit den Kunden und Logistikunternehmen.  Einfach gesagt: die Telefone glühen heiß und wir versuchen trotzdem mit ruhiger Hand und viel Zuversicht jede einzelne Bestellung so professionell wie immer abzuwickeln." (Update 20.3.20)

Milchprodukte


Die Produktion bei SalzburgMilch läuft aktuell auf Hochtouren, um die Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen und sichern Milchprodukten gewährleisten zu können - und das obwohl die Gatsronomie als Abnehmer zurzeit ausfällt. "Ich kann unseren Kundinnen und Kunden versichern, dass wir weiterhin alles unternehmen werden, sie tagtäglich mit hochwertigen und sicheren Lebensmitteln zu versorgen! Wir danken für Ihre Treue und würden uns freuen, wenn Sie auch weiterhin, besonders in diesen schwierigen Zeiten, den regionalen Lebensmittelproduzenten ihr Vertrauen schenken und dadurch die heimische Landwirtschaft unterstützen. Mein Großer Dank gilt aber auch unseren Bäuerinnen und Bauern, die auch weiterhin beste Milch produzieren, und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in unermüdlichem Einsatz die Milch zu SalzburgMilch Premium Produkten veredeln und in die Geschäfte und Krankenhäuser liefern", so Geschäftsführer Andreas Gasteiger. (Update 20.3.20)

Einen deutlichen Anstieg verzeichnet ebenfalls Nöm. "Wir bei der NÖM stellen derzeit dank unserer engagierten Mitarbeiter in der Produktion täglich sicher, dass sämtliche Produkte in den benötigten Mengen bei unseren Handelspartnern ankommen. Wir sichern damit auch die Grundversorgung in der Region Wien, Niederösterreich und Burgenland jederzeit", versichern die Nöm-Vorstände Alfred Berger & Josef Simon. (Update 23.3.20)

Weitere Branchen


Auch Wiesbauer-Österreichische Wurstspezialitäten steht derzeit vor größeren Herausforderungen und kämpft mit einer etwa fünffach erhöhten Nachfrage. Man unternehme alles, um Kundenbestellungen zu erfüllen, das sei aber nur teilweise möglich, erklärt Wiesbauer-Geschäftsführer Thomas Schmiedbauer. "Derzeit wird weit mehr als die doppelte Menge wie üblich produziert, was den Betrieb an seine Kapazitätsgrenzen führt und nur aufgrund der zusätzlichen Schichten rund um die Uhr möglich ist. Dazu kommt, dass bereits wichtige österreichische Rohstofflieferanten riesige Probleme mit ihren ausländischen Arbeitskräften haben und aufgrund dieses Engpasses eine Rohstoff-Verknappung zu befürchten ist", so Schmiedbauer. Im Gegensatz dazu hat der Gastrobetrieb der Wiesbauer-Gruppe kaum Aufträge und stehe vor dramatischen Problemen, die zu drastischen, derzeit nicht abschätzbaren Folgen führen können, heißt es. Ebenfalls eingeschränkt sind die Wiesbauer Bistro & Shops, die derzeit ausnahmslos Nahversorungsaufgaben umsetzen dürfen, aber auch diese leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung. (Update 20.3.20)

Waldquelle-Chefin Monika Fiala spricht von einem unerwarteten und plötzlichen Absatz-Plus im März aufgrund der Hamsterkäufe. Dem fügt sie jedoch hinzu: "Wir gehen davon aus, dass uns dieses Plus im April fehlen wird." Die gesteigerte Abfüllmenge wird rund um Ostern wieder reduziert. (Update 26.3.20)

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